Was wäre wenn ich eine Frau wäre

Ich hatte Holger gebeten, die #wasanderswäre-Fragen zu beantworten & weil er gerade keinen eigenen Blog betreibt hat er die Fragen auf goingweird.de beantwortet. Meine Antworten findet Ihr hier, was der Groszer dazu zu sagen hat, wird das Internet jedoch wohl nie erfahren. Er ist nicht nur irl von eher schweigsamer Natur.

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du eine Frau wärst?

Die ersten Wochen wäre ich gerne allein. So aus Neugierde.

Ich habe immer diese verklärte Fantasie, dass ich dann eine Shopping-Königin wäre. Nicht, weil ich alle Frauen für Shoppingqueens halte sondern weil irgendwo in mir eine schlummert. Es gibt so viele tolle Dinge, Klamotten, Taschen für Mädels. Deshalb sage ich sogar ziemlich oft: „Wenn ich ein Mädchen wäre würde ich das sofort kaufen!“.

Ob’s stimmt ist schwer zu sagen. Vielleicht wäre ich dann einfach Konsummuffeleuse statt -muffel.

2. Was tust du nur deshalb, weil du ein Mann bist?

Meine Frau zwingt bittet mich immer, ihr Sachen vom Auto hoch in die Wohnung zu tragen. Da geht’s aber ums Prinzip, nicht um Gewicht oder sowas. Deshalb mache ich es auch prinzipiell gerne. ;-)

Darüber hinaus gibt es wenige Pflichten, die ich mir von meinem Geschlecht auferlegen lasse. Ausgesprochen männliche Rituale wie Raufen oder Wettfurzen haben seit einigen Jahren Jahrzehnten auch irgendwie ihren Reiz verloren. Ich ziehe auch wenig thematischen Ehrgeiz aus meiner Chromosomenkonfiguration – beim letzten Umzug hat meine Frau mit meiner Mutter und meiner Schwester Möbel aufgebaut – ich habe gekocht und geputzt.

3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann bist?

Da hab ich jetzt lange drüber nachgedacht, ohne dass mir was eingefallen ist.

Allerdings gibt’s einige Dinge, die einem verwehrt werden, weil man ein Mann ist. Z.B. wollte ich in der Schule in Sport in Rhythmische Sportgymnastik – wurde aber mit erhobener Augenbraue in Basketball gesteckt.

4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Teilweise wird einem als Mann eine Rolle aufgedrückt (zumindest wird’s versucht), die doch sehr alt, dominant ist. Vor Jahren hatte meine damalige Freundin Probleme in der Familie. Unsere Nachbarin überhörte ein Gespräch zwischen uns, in dem ich versucht habe, aus meiner Freundin herauszumoderieren, ob sie Konflikt oder Versöhnung sucht, was ihr wichtig ist etc.

Bei nächster Gelegenheit nahm die Nachbarin mich zur Seite und erklärte mir, dass das Problem sei, dass ich nicht als richtiger Mann in der Situation gehandelt habe. Ich müsse mir eine Meinung bilden und dann mit viel Macht meiner Freundin und allen Beteiligten dann diese Meinung überstülpen. Zitat: „Wenn sie selbst nachdenken wollte, bräuchte sie dich ja nicht.“

Jedes Klischee, dass von mir als Mann erwartet, dass ich Frauen bevormunde weil sie Frauen sind, ist belastend und absurd. Aber das passiert öfter als man glaubt.

Ich tue mich auch sehr schwer mit Verhalten, das vor Hundert Jahren mal als galant verkauft wurde, heute aber meiner Meinung nach nur anachronistisch-äußerlich auf Geschlechtermerkmale hinweist: Tür aufhalten oder einer Frau etwas zu tragen, das sie sichtbar ohne Probleme physisch bewegen kann. Generell habe ich eine Blockade, wenn es darum geht, ein gewisses Verhalten an den Tag zu legen, nur weil Geschlechterrollen involviert sind. Hin und wieder gelte ich daher als stoffelig – sehe mich da aber mehr als positiv genderblind (gibt’s das Wort?).

5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Männer zu gehören.

Ich bin immer wieder angewidert, wenn ich im Berufsleben sehe, wie Frauen finanziell benachteiligt werden.

Auch das Auftreten ist für Jungs viel leichter. Ich habe früher Jung-Unternehmensberater ausgebildet, bevor sie das erste Mal zum Kunden gehen durften. Die Jungs haben von mir 5 Minuten lang erklärt bekommen, dass gedeckte Farben, feste Socken und ein Gürtel sein müssen. Die Mädels haben einen Halbtags-Workshop zum Thema „Kleidung, Körpersprache und wie ich als Frau ernst genommen werde“ über sich ergehen lassen müssen. Spannenderweise ging das in genau die gegensätzliche Richtung von dem was Nike hier geschrieben hat: Wie muss Frau sich kleiden, geben und verhalten, um möglichst nicht als Frau (im Sinne einer Paarungsoption) wahrgenommen zu werden? Absurd.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Meine Forderung ist, dass es immer dann keine Rolle spielt, wenn Status daraus abgeleitet wird.

Zum Beispiel Internetdiskussionen, auf Englisch mit Spitznamen. Da bin ich schon einige Male auf die Nase gefallen: In Deinem Kopf ist „Kim“ eine Frau – dann postet er ein Bild von sich. Oder umgekehrt. Schöne Erlebnisse, wenn man seine eigenen Klischees vorgehalten bekommt.

Grundsätzlich finde ich die amerikanischen Bewerbungsformalien, bei denen keine Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht oder Rasse möglich sein dürfen für gar nicht so schlecht. Oft brandet einem da Gegenwehr entgegen, aber ich glaube das ist nur, weil man meint man wäre besser als man ist und dass man das gerne nicht nötig hätte.

Aber wir haben es nötig.

2 Kommentare zu “Was wäre wenn ich eine Frau wäre

  1. Pingback: Logbuch am Samstag #4
  2. Großartig! Als ich die ersten Posts mit dieser Frage las, dachte ich „Ach, das ist so eine Frage, die wird auch nur den Frauen gestellt. Warum fragt man nicht mal die Männer?“ Deswegen finde ich das total toll, dass ihr das gemacht habt. :-)

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