Tagebuchbloggen am fünften Mai – es schifft

Stephan Balkenhol Mann und Frau, Bronzeplastik Bemalt, Hamburger Schietwetter

So um 6.00 Uhr rum: Der Lütte kuschelt mich wach. Im Gegensatz zu mir ist er schon voll da. Er erklärt mir sehr ernsthaft, dass er noch mal drüber nachgedacht hat und er glaubt es gibt da doch noch einen ICE der von Kiel her nach Zürich fährt, ob wir den nicht auch mal nehmen können, wenn wir zu Oma… Ähm… „Lass mich erst mal aufwachen.“

6.15 Uhr Den Muckel haben wir zurückgelassen, wir machen uns kurz fertig, dann schleichen wir nach unten. Ich würde mir eigentlich gerne einen Kaffee kochen, allein, der Lütte hat wichtige Dinge zu besprechen. Er zieht aus seiner Spezialsammlung eine Ausgabe von „Ihr Reiseplan“ hervor, und zeigt mir den vorhin angesprochenen Zug. Wir stellen fest, dass der über Karlsruhe, nicht aber über Stuttgart fährt. Vorerst fahren wir mit dem eher nicht mehr. Und dann vielleicht mal wieder mit dem Cis, so wie neulich? Ne, mit dem auch nicht, der kommt da wo wir hin wollen nicht so oft durch. Wir kommen vom Hundertsten ins Tausendste, ich gucke im Internet nach, wie oft der Cis da überhaupt durchkommt, stelle fest, dass er da gar nicht mehr fährt, weil es ihn so nicht mehr gibt. Nur noch das Nachfolgekonzept der SBB. Wir gucken uns Bilder der sich aktuell im Einsatz befindenden Modelle an (darunter auch auch die älteren Teile, die früher als Cis unterwegs waren, daher der Irrtum) und der Lütte erkennt den Pendolino der dritten Generation aus seinem Quartett. Sucht er direkt auch mal für mich raus. Seufz. Ich finde das schon sehr großartig, wie er sich begeistert und wie intensiv er sich mit den Dingen die ihn begeistern beschäftigt und so weiter, aber ALTER, es ist noch nicht mal…

…halb 7 und ich brauche jetzt `nen Kaffee. Sieht der Lütte irgendwie auch ein.

Ich setze Kaffeewasser auf, mahle eine Handvoll Bohnen, gieße den Kaffee in der French Press auf, Warterei. Bisschen Haushalt, Abwasch von gestern und so.

6.45 Uhr Ich schenke mir gerade einen Kaffee ein, da höre ich der Muckel sich oben echauffieren. Nicht okay, dass er da alleine aufwachen soll. Ich schicke den Lütten schon mal hoch, trinke wenigstens einen einzigen Schluck Kaffe und komme hinterher. Eigentlich hatte ich mich schon auf die nächste Runde Kuscheln eingestellt, aber der Muckel ist inzwischen richtig wach und er scheint begriffen zu haben, dass wir noch ziemlich früh dran sind und das bedeutet, dass er vor dem Kindergarten noch ein Runde zu Hause spielen kann. Er springt enthusiastisch aus dem Bett. Badezimmer, Zähneputzen usw.

Spielen, Kaffee, noch mehr Küchenräumerei. Esstisch Gucke auf die To do-Liste von heute, steht natürlich wie immer zu viel drauf. Schon mal die Einkaufstasche für später fertig machen, Brottaschen, Obstnetze, Geldbeutel, noch ein Teppichmesser dazu. Auf der Liste steht auch „Pappen besorgen“.

7.40 Uhr Die erste Aufforderung sich in den Flur zu begeben.

7.42 Uhr Die Zweite. Die Züge müssen noch auf´s Abstellgleis.

7.44 Uhr Ein Streit ist entbrannt, die Frage, in welcher Reihenfolge die Züge auf das Gleis Fahren scheint recht kontrovers. Ich will los und beschließe mich einzumischen um die Diskussion abzukürzen. Muß ersteinmal herausfinden WO zum Teufel sich diese Abstellanlage denn befindet. Unter der über den Rand des Wäschekorbs herausquellenden Wäsche. Na logen. Ich schubse den Korb zur Seite, beide Züge können parallel einfahren. Jetzt aber husch!

Flur, Klamotten. Immer noch die dicken WInterjacken.

Fahrräder aus der Garage holen, Gespann zusammenkoppeln, Muckel anschnallen, alle behelmt, los. Immerhin regnet es grade mal kurz nicht.

Kindergarten, schon latent spät dran, Kinder direkt zum Frühstück, ich zügig wieder los.

8.30 Uhr Zu Hause. Weil ich mich vorhin so schön eingegroovt hatte, räume ich gleich noch ein bisschen mehr auf. Alles ziemlich vernachlässigt hier zuletzt, da muss man die Motivation zum Ordnung schaffen ausnutzen wenn sie sich blicken lässt.

8.45 Uhr Kaffee, morning pages

9.00 Uhr Arbeiten. Flyer + Visitenkarten für den Designmarkt am Wochenende gestalten und fertig machen und am Stand weiterbauen.* Keinen Bock die Flyer zu machen, da war ich gestern schon bei und bin beinahe dran verzweifelt. Also erst mal Visitenkarten. Auf der Suche nach dem Papier dafür stelle ich das komplette Haus auf den Kopf, werde aber nicht fündig. Dafür fallen mir die Überreste eines Bildbandes in die Hände den ich neulich für ein anderes Projekt zerlegt hatte. Hübsches Papier eigentlich. Vielleicht kann ich damit später noch die Flyer machen. Das vorgeschnittene Papier für die Visitenkarten bleibt unauffindbar. Entweder ich hatte das doch schon alles verbraucht oder es wurde verschludert. Argh. Zum Glück sind noch mehrere alte Kalender im Haus, ich schneide A4 Seiten zu, jage sie durch den Drucker, schneide die Visitenkarten zu. 250 Stück, das wird eine Weile reichen. Die Flyer. Das Papier aus dem Buch ist tatsächlich perfekt dafür, also noch mehr Ausdrucke, noch mehr schneiden, dann die Ausdrucke auf Auschnitte aus den Buchseiten tapen. Davon mache ich „nur“ 40, die sollen später gemeinsam mit dem offiziellen Flyer in der Zentralen Bücherhalle ausliegen und ich weiß nicht so genau, ob sie dort überhaupt willkommen sind.

Ich bastle also so vor mich hin, höre dabei Zeug auf Youtube. Heute sind das eine Menge Interviews und Diskussionen mit Dan Savage. Falls Ihr den Typen nicht kennt: hier eine Geschichte die Euch gefallen könnte, wenn Weihrauch und Weihwasser zu Eurem kulturellen Background gehören. Und hier ein längerer Vortrag auf dem Festival of Dangerous Ideas. Obacht, letzterer ist nix für Leute mit Hang zum Beziehungskitsch.

11.30 Uhr Eigentlich wollte ich demnächst mal los, Bücherhalle + einkaufen, aber es regnet gerade in Strömen. Also hier weiter machen. In meinem Dachboden-Studio baue ich gerade nach und nach meinen Marktstand auf. Entwickelt sich ganz gut, ich bin begeistert. Ich laufe ein paar mal von ganz unten im Haus (Keller) nach ganz oben im Haus, trage fertige Artikel zusammen, drapiere die ersten Gegenstände auf dem Tisch…kann aber den Stand leider nicht fertig machen, dazu fehlen mir noch zwei Pappen.

12.11 Uhr sms von der Groszer. „Bin pünktlich unterwegs.“ Hervorragend, das heißt er konnte heute den ganzen Morgen über erfolgreich in Deckung bleiben, er wurde nicht zu dem ominösen Meeting um zwölf (!) eingezogen und er kann jetzt gleich die Kinder abholen. Da könnte ich ja dann demnächst auch mal los. Allein, es regnet immer noch in Strömen. Ich suche noch ein paar weiße Tischtücher (Betttücher, um ehrlich zu sein) zum Bügeln heraus, räume endlich die Küche fertig auf, fege noch mal durch. Demnächst gehen mir die aufschiebenden Maßnahmen aus. Alles was jetzt noch auf die Schnelle zu tun wäre WILL ich eh nicht machen und/oder es fällt auf der Eisenhower-Matrix eher so in das Quadrat unten rechts. Staubsaugen zum Beispiel. Jetzt ist es schon…

13:09 Uhr Der Typ von dhl steht vor der Tür und er hat zwei Päckchen dabei. Gut dass ich noch nicht los bin, wer weiß, wo er die sonst wieder versteckt hätte. Eins fehlte noch für die Kinder, das kommt zu dem anderen das da seit einer Woche unausgepackt herumsteht, und eins ist für mich. Antes que anochezca** von Reinaldo Arenas. Das dürfte nicht ganz so einfach werden, aber ich bin zuversichtlich, dass die Mühe sich auszahlen wird. Die Verfilmung damals war ja schon ganz besonders gut (finde ich), ich ärgere mich ein bisschen, dass ich erst 17 Jahre später mal raffe, dass dem ganzen eine Autobiografie zu Grunde liegt….

13.10 Uhr Der Groszer + die Kinder treffen ein, alle klatschnass. Die Jungs pulen sich aus den Klamotten, ich stelle ihre Päckchen in der Küche bereit. Bin gespannt wie der Inhalt so ankommt. Großes Auspacken. Bingo. Die Augen blitzen auf, ein Strahlen breitet sich auf ihren Gesichtern aus: Der Groszer und ich haben neulich zwei geschlagene Abende damit verbracht die Kleinanzeigen und den Mamikreisel*** nach Turnschuhen  in den aktuell passenden Größen zu durchforsten. Und in den richtigen Farben. Für beide die Gleichen. Es war fast unmöglich aber nun ist es vollbracht und das Ergebnis scheint zu gefallen. Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, denn der Umwelt und unserem Konto gefällt das auch.

13.20 Uhr Ich würde jetzt ja los, aber der Regen…

13.35 Uhr Ich reiße mich zusammen. Persenning (heißt das bei Fahrrädern überhaupt so oder  nur bei Booten? und läuft mein Fahrrad vielleicht eh schonbald unter „Boot“ wenn sich das hier so weiter einregnet?) nicht vergessen.

13.45 Uhr Markt: Brot, Äpfel, Würstchen. Teilerfolg: ich glaube ich habe den Type,n der am Wurststand das Sagen hat, jetzt so weit, dass er wenigstens darüber nachdenkt, das Finanzamt anzurufen um sich bestätigen zu lassen, dass es in Zukunft reicht, Bons nur noch auf Verlangen auszudrucken. Man wird sehen und ich habe Geduld.

14:00 Uhr S-Bahn in die Stadt. Am Hauptbahnhof fällt mir dann auch wieder ein, warum ich das so selten mache. Alles voll mit Rollkoffer-Piloten und Junggesell*innenabschieden.

14:20 Uhr Zentrale Bücherhalle. Ich deponiere meine Flyer im Flyerregal, scheint niemand etwas dagegen zu haben, hoffen wir mal, dass sie nicht zeitnah wieder aussortiert werden. Wenn ich schon mal da bin könnte ich vielleicht auch eine kleine dvd oder zwei…

14:40 Uhr Ich reiße mich gewaltsam von den Regalen los, in meinen Armen Colonia Dignidad, Howl, Cloud Atlas, Heaven. Mein Name ist Nike und ich mag Filme.

14:45 Uhr Im Bahnhof gibt es eine Fressmeile die mich daran erinnert, dass ich heute noch nix gegessen habe. Tja, da muss ich jetzt wohl leider, leider einen mit weißer Schokoladencreme gefüllten Doughnut kaufen. Mal echt leider: seit ich meinen Zuckerkonsum drastisch heruntergefahren habe, schmeckt Zeug dieser Art oft enttäuschend. Süß halt.

15.15 Uhr Zurück auf der Insel, Supermarkt. Ich werfe einen Blick auf den EInkaufszettel, den ich mir immer für Freitags in meinem Kalender notiere. Nicht so diese Woche. Dann muss halt die „Masterliste“ von der letzten Seite herhalten. Spülmaschinensalz! Fast vergessen.

15.45 Uhr Beinahe geschafft. Noch die beiden Pappen die mir noch fehlen um den Marktstand fertig zu bauen. Damit alle auf dem Tisch aufgebauten Podeste den gleichen Look haben, müssen es zwei Böden der blauen Schachteln sein, in denen ein bekannter Gummibärchen-Dealer seine Waren feil bietet. Ungeschickterweise ist eine Mitarbeiterin gerade dabei das betreffende Regal schicko zu machen. Ich habe Skrupel da jetzt einfach zwei Schachteln auszuräumen und in meinen Wagen zu packen. Am Ende mache ich es trotzdem, so ein bisschen heimlich. EIn Wunder, dass der Kaufhausdetektiv mich nicht anspricht.

16:00 Uhr Zu Hause. Doch am schönsten. Ich verstaue die Einkäufe. Pappen zuschneiden. Die neuen und die gestern vorbereiteten Pappen „lackieren“ mit Wandfarbe die noch von unserem Einzug hier übrig geblieben ist.

17.00 Uhr Kochen. Es gibt Linseneintopf.

18.00 Uhr Abendessen ohne weitere Zwischenfälle.

Die Züge nehmen noch mal kurz den Betrieb auf.

18.50 Uhr Ich räume den Tisch ab + mache die Guacamole fertig. Der Groszer geht Efeu sammeln, damit wir später noch eine Wäsche anschmeißen können.

19.00 Uhr Die Kinder gehen schlafen, der Groszer betreut das. Ich will gerade diesen Beitrag beginnen, da klingelt das Telefon. Meine kleine Schwester erbittet Order in Sachen Muttertagsgeschenk, wir schenken immer zu dritt BEIDEN Eltern etwas, wegen Feminismus und so. Wir tratschen noch ein bisschen, viel tragisches in der Heimat.

20.00 Uhr Der Groszer ist zurück. Sofa, Chips, Guacamole, Bier und auf dem „Not-Notebook“ Victoria aus der Mediathek. Dafür, dass wir keinen Fernseher haben, geht es hier heute ganz schön viel um Filme. Ich tippe auf dem Haupt-Notebook herum.

23.10 Uhr Film zu Ende. Dem der Groszer ging es ähnlich wie mir: den Anfang fand er schwach, dann wurde er doch ganz schnell eingesogen und mitgerissen. Das war der Abend dann auch schon für ihn, er geht zu Bett. Ich bleibe, wie so oft am Fünften, ausnahmsweise länger auf. Tipperei.

02.46 Uhr Mir fallen gleich die Augen zu aber ich musste ja unbedingt noch zwischendurch herumtrödeln. Nachti, nachti!

02.47 Uhr Vergessen die Wäsche anzuschmeißen. Hach, ja nun.

 

*Der Markt ist mein Erster, ich bin schrecklich nervös deshalb, aber wenn Ihr mögt: kommt doch vorbei und sagt mir hallo, würde mich sehr freuen!

Hier noch mehr Fünfte bei uns, hier noch mehr Fünfte bei anderen Leuten.

**Partnerlinks zu Buch7.de, mit der Bitte um verantwortungsbewussten Umgang!

***Noch jemand hier, der/die es kaum über sich bringt die URL in den Browser einzugeben? Weder der Groszer noch ich sind „Mamis“. DARF der Groszer als Mann das Portal überhaupt nutzen? Und was ist mit mir: wenn ich vielleicht gar keine liebliche Mami bin, sondern ein fluchendes Ungetüm von einer Mutter, darf ich da trotzdem Sachen kaufen?

 

 

Merken

Merken

2 Kommentare zu “Tagebuchbloggen am fünften Mai – es schifft

  1. Hey ho, bitte ein Foto vom Turnschupaar, bin doch sehr neugierig. Und tatsächlich habe ich mich ähnliches gefragt, als ich bei Mamikreisel einen Vater als Verkäufer hatte. Darf der das??? Und warum kann es nicht geschlechtsneutral betitelt werden.
    Und bitte ein Foto vom fertigen Stand!

  2. Colonia Dignidad fand ich ja im Kino ziemlich gut, Cloud Atlas eher das Gegenteil davon. Wie ist Deine Meinung?
    Und: Mamikreisel. Ich glaube, ich würde dem Thema Kinder kriegen wesentlich aufgeschlossener gegenüberstehen, wenn es nicht solche gruseligen Dinge gäbe…

Kommentare, Kommentare!