Tagebuchbloggen am Fünften

6.45 Uhr: Der Muckel macht mich wach. Sein Bruder soll direkt auch mal aufwachen, aber es ist kein Zufall, dass die Beiden nie nebeneinander schlafen dürfen…

7.00 Uhr: Der Lütte wird wach. Allgemeine Freude und Geschäker.

7.08 Uhr: Zeit aufzustehen. Der Lütte springt dynamisch auf, denn heute ist a) Müslitag und b) Omatag. Der Muckel kneift die Augen zu und maunzt mich an. „Ich möchte noch fünf Minuten schlafen.“ Ist klar. Und das im zarten Alter von 2 1/2. Und nachdem er vor 20 Minuten noch quietschfidel war.

7.10 Uhr: beide Jungs im Bad, das Übliche.

7.30 Uhr: Wohow, wir ziehen uns die Schuhe an. Kurze Diskussion, welche Jacken denn angemessen wären, diese Übergangszeit ist ein verwirrende Konzept.

7.50 Uhr: Wir fahren am Kindergarten vorbei, denn wir sind ZU FRÜH. Kommt jetzt eher nicht so oft vor.

8.00 Uhr: Punktlandung. Einmarsch, kurz vor der Tür kommt es zu einem kleinen Auflauf, die Erzieherinnen schirmen irgendetwas ab, was die Raumpflegerinnen gerade hastig in einer Mülltüte verschwinden lassen. Als wir zusammen nach drinnen gehen zische ich der Erzieherin des Lütten „waswarsdenn?“ zu, sie zischt zurück „Kaninschn“. Hupsi, hat da kurz nach Ostern ein Raubvogel ein Osterhäschen masakriert. Wir sind uns einig, dass tote Tiere theoretisch etwas sind, das man mit seinen Kindern auch mal besprechen muss. Praktisch sind wir uns auch einig, dass morgens um acht, zwischen Schuhe ausziehen und abgeben, nicht so der perfekte Zeitpunkt für ein philosophisches Gespräch über die Endlichkeit aller Dinge (auch des Osterhasen) ist.

Wir liefern also den Lütten ab, der Muckel guckt noch mit rein, ab dem Sommer wird das auch seine Gruppe sein. Freuen sich alle Beteiligten schon sehr drauf. Muckel in seiner aktuellen Gruppe abliefern, husch, husch, nach Hause.

8.30 Uhr: Zu Hause, Kaffee, Müsli für später vorbereiten, büschn Haushalt, wenigstens den Küchentisch mal freilegen.

9.00 Uhr: Ich arbeite. Komisch das zu schreiben. Ist aber tatsächlich so.

11.00 Uhr: Müslipause. Ich bemühe mich jetzt vernünftig zu sein: weniger Milch, mehr richtige Mahlzeiten. Es gibt also Müsli, mit Mirabellen vom letzten Jahr, ohne Milch. Dazu Internetgedaddel.

Weil heute ja Omatag ist muss ich niemanden nirgends abholen und kann einfach weiterarbeiten. Seit Andrea mich hiermit* angefixt hat, höre ich auch Hörbücher. Ich nähe also und höre mich dabei quer durch das Œuvre von Terry Pratchett*.

15.00 Uhr: Plötzlich richtig krass Hunger. Ein Blick in den Kühlschrank verrät mir, dass ich zwischen „Vollkornbrot mit Käse“ und „Fenchelsalat, den ich aber erst noch machen muss“ wählen kann. Jetzt kommt was ganz verrücktes: Ich nehme einfach den nächsten Bus und suche das Dönerrestaurant meines Vertrauens auf. Kann ich auch gleich noch in der Bücherhalle vorbei.

16.00 Uhr: Ich sitze im Bus zurück und bin noch so ein bisschen dösig im Kopf (es war mir ein Frittenfest…) und wir halten gerade an der Haltestelle vor der Bäckerei. Mein Blick fällt aus dem Fenster und hinter dem Haus verschwindet gerade der Chef persönlich. HALT! Ich springe gerade eben noch so aus dem Bus. Den Mann versuche ich seit einer Woche zu fassen zu bekommen, denn er hat etwas was ich nicht habe und laut seiner Mitarbeiterinnen kann auch nur er alleine darüber verfügen: eine Magnolie im Garten. Letztes Jahr hat er mir schon total großzügig einen Zweig überlassen und ich möchte wirklich sehr, sehr gerne wieder einen haben. Ich stelle ihm also nach und er erschreckt sich auch angemessen vor mir. Ich trage mein Anliegen vor und er sagt „Hau rein!“.

Jucheirassa! Ich breche mir eine Ästchen (hüstel, es fällt ein bisschen größer aus, aber er hat ja gesagt ich soll reinhauen) ab und finde es nur anständig, dass ich jetzt auch noch schnell im Laden eine Kleinigkeit einkaufe. Ich Ärmste muss ein Schoko-Sahnestück nehmen, Brot ist aus.

16.30 Uhr: Ich will meinen Schatz natürlich direkt nett in eine Vase stellen und scheitere an zwei Dingen: Erstens haben wir meiner minimalistischen Bestrebungen wegen nur eine sehr limitierte Auswahl an Vasen und zweitens gibt es in der ganzen Küche keine geeignete freie Fläche um irgendetwas hübsch drapiert zu platzieren. Zum Glück sind wir nicht nur angehende Minimalisten, sondern auch faul in Sachen Pfand-Wegbringen: Schnell entpuppt sich eine Astraflasche als perfekte Vase. Bei Apothekerflaschen ist dieses braune Glas jetzt ja auch gerade sehr modern und wer bin ich, eine unschuldige, kleine Glasflasche ihrer ursprünglichen Bestimmung wegen zu verurteilen. Immerhin schrubbe ich noch das Etikett ab

Das mit dem Platz geht dann auch ganz schnell: Ich schichte einfach alle sich auf der Kommode stapelnden Dinge gleichmäßig um auf die Stapel die die übrigen Oberflächen der Küche bedecken. Frei nach unserem früheren WG-Prinzip „so lange nichts umzufallen droht ist alles okay“. Im stapeln bin ich so gut, es wäre zum lachen / staunen, wenn es nicht zum weinen / verrückt werden wäre. Der Magnolienzweig steht jetzt also frei auf der Kommode und sieht dabei gut aus. Schnell ein Beweisfoto schießen und bei Instagram hochladen.

Halt mal. An der Wand über der Kommode hängt die Geburtstagskarte die ich letztes Jahr von den Jungs bekommen habe und sie ist rot-orange. Das passt halt überhaupt nicht. Während ich die Karte an einer anderen Wand anbringe (diese Karte muss ausgestellt bleiben bis sie im August durch eine neue ersetzt wird, so will es das Künstlerkollektiv) kommt mir eine ganz bestimmte Postkarte in den Sinn, die jetzt unbedingt an der freigewordenen Stelle hängen muss. Ich steige auf den Dachboden des Schreckens und brauche nur fünf Minuten um die Postkarte zu finden. Ein Wunder, wenn man bedenkt, dass dort oben regelmäßig die eben erwähnten Küchen-Stapel abgeworfen werden. Jetzt aber:

Magnolie, Minimalistische Floristik, Total Aufgeräumt

16.30 Uhr: Kaffee, Sahnestückchen und den Blick auf obiges Szenario.

17.00 Uhr: Schnell noch mal zurück an die Nähmaschine.

17.50 Uhr: Eine Nachricht von der Groszer erreicht mich, er wird gleich mit den Jungs hier eintreffen und sie werden noch Abendbrot essen wollen. Mist. Das bedeutet wohl, dass ich den Küchentisch frei räumen muss. Demnächst sollte ich wirklich mal den Dachboden unter Kontrolle bringen, dann müsste ich vielleicht nicht immer die ganze Küche in Beschlag nehmen. Ich staple also noch ein bisschen höher und mache den Abendbrottisch fertig.

18.05 Uhr: Alle wieder vereint.

Die Jungs mümmeln Brote und Gemüse, der Groszer und ich besprechen das Tagesgeschäft. Unter anderem würde die Oma dem Lütten schon ganz gerne eine Armbanduhr schenken, allerdings fände sie es besser wenn wir sie aussuchen. Was mich froh macht. Weniger froh macht mich die Tatsache, dass diese Uhr schon in weniger als einer Woche auf dem Gabentisch liegen soll. Und wo wir schon dabei sind: wo bleiben eigentlich die aus selbem Anlass bestellten Turnschuhe? Plötzlich fühle ich mich sehr gestresst. Der Groszer will mich beruhigen und bietet sich an, die besagte Uhr morgen eben schnell in der Mittagspause zu besorgen. Soll ich jetzt lachen oder wütend werden? Die Sache mit den Geschenken fällt in dieser Koalition in mein Sachgebiet und das merkt man auch. Der Mann hat offensichtlich keinen Schimmer, welche Grausamkeiten da draußen als „kindgerecht“ angepriesen werden und wie lange es dauern kann aus dem mit Weichmachern parfümierten und selbstverständlich komplett durchgegenderten Überangebot (Pastelltöne vs. Camouflage, anyone?) die Rosinen herauszupicken.  Wir vertagen das komplexe Thema auf später.

Die Jungs haben sich inzwischen unauffällig ins Wohnzimmer verdrückt und spielen noch „Hafen“. Eigentlich wäre schon Schlafenszeit, aber wenn sie so lange von ihren Spielsachen getrennt waren müssen sie immer noch hektisch ein bisschen bespielt werden, vorher können die Herrschaften nicht zu Bett gebracht werden.

19.00 Uhr: Jetzt aber hopp-hopp. Ich bin „dran“.

19.20 Uhr: Eine Bärbeißgeschichte* und ein mal „Seine eigene Farbe*“ Mag ich beide, aber bei letzterem sind auch die Bilder ganz besonders hübsch anzusehen. Der Lütte liest mir die Titel vor. Habe ich hier schon dokumentiert, dass er jetzt einzelne Wörter und kleine Sätze lesen und schreiben kann? Natürlich platze ich deshalb heimlich vor stolz, aber jetzt mal ganz objektiv betrachtet: soll ich mich einfach darüber freuen oder ist das ein Grund zur Sorge?

19.50 Uhr: Feierabend. Ich fange an das hier zu tippen, der Groszer bröselt auch am Computer herum. Die Turnschuhe fallen uns wieder ein. Wir hatten sie über einen fiesen Onlineversender bestellt, weil es sich dabei um ein Auslaufmodell handelt, was nur noch die fiesesten der fiesen vorrätig zu haben scheinen. Ich logge mich in mein Kundenkonto ein und ta-da: keine vorliegenden Bestellungen. Argh. Wir bestellen erneut und legen noch was für den besonders schnellen Versand obendrauf. Wo wir schon dabei sind, rufe ich die Webseiten der in Hamburg vertretenen Kaufhäuser auf. Vielleicht können wir ja so tatsächlich im Vorfeld eine hübsche Kinderuhr in kräftigen Farben ausfindig machen die der Groszer dann morgen in seiner Mittagspause abholen darf. Können wir nicht. Ehe wir es uns versehen sind wir wieder auf der Seite des Fieslings und werden dort natürlich schnell fündig. Es ist ein Elend.

22.00 Uhr: Der Groszer geht schlafen, ich tippe.

00.25 Uhr: Publish + Feierabend

Ps.: mehr Fünfte von uns hier und natürlich viele weitere bei Frau Brüllen.

 

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10 Kommentare zu “Tagebuchbloggen am Fünften

  1. Du schreibst so toll! Ich liebe dein Tagebuchbloggen! Nur mit dem Kommentieren hapert’s bei mir öfter mal. Dafür kann ich super Stapel stapeln. Bin Turmbaumeister zu Babel ;.)

  2. Endlich wieder befriedigend zu lesen, was du so treibst. Aber Herzchen, vernüftiges Essen besteht nicht aus Döner und Sahneschnitte :-*

  3. Es ist schade, dass Kinder, die mehr können als ihre Altersgenossen, bei uns so zum Problem gemacht werden.
    Mein Kleiner ist 4 und er wäre längst weit genug, um im Sommer in die Schule zu gehen, aber er darf nicht. Das ist so frustrierend. Er addiert und subtrahiert im Zahlenraum bis 100, auch „über den Zehner“, also z.B. 43 – 16 =…
    Er kann das ganze Alphabet aufsagen und schreiben in Groß- und Kleinbuchstaben. Er konnte die (analoge!) Uhr im Alter von 3 Jahren lesen (und hat am Nachmittag korrekt gesagt: „Es ist 15 Uhr 23.“), ebenso den Kalender auswendig, auch wie viele Tage die jeweiligen Monate haben, was ein Schaltjahr ist, wann Schaltjahr ist und warum. Das wissen viele Erwachsene noch nicht einmal. Er kann auf einer beliebigen Deutschlandkarte ganz viele Städte zeigen, kennt die Flaggen und Hauptstädte vieler Länder. Er kann sich super orientieren und kennt viele Wege und Verbindungen besser als ich.
    Aber er ist drei Wochen nach dem Stichtag geboren, also darf er nicht eingeschult werden. Pech gehabt. Und die Kita macht keine Vorschularbeit mehr. Kein Wunder, dass er dort unterfordert ist und immer öfter Blödsinn macht. Ich bin so frustriert. Sorry, dass ich hier den Kommentar damit fülle.

    Vielen Dank für Dein Tagebuchbloggen, es macht mir immer großen Spaß, Deine Aufzeichnungen zu lesen!

    Liebe Grüße,
    Henriette

    1. Oh nein! Der Lütte ist auch schon ziemlich lange fit mit diesen Zahlengeschichten und vom Kaleder ziemlich besessen, aber weil der Kindergarten wirklich tolle Bildungsarbeit macht lassen wir ihn sein Vorschuljahr auch dort machen. Leider sind wir die einzigen Eltern, die sich so entschieden haben, alle anderen schicken ihre Kinder zur Vorschule an der Schule (wird hier in Hamburg angeboten, wäre für Euch vermutlich gut, mir persönlich gefällt das nicht so).
      Gibts bei Euch eigentlich keine „Kannkinder-Regelung“ und individuelle Prüfungen etc.pp.?
      Fühl Dich mal gedrückt!

      1. Danke!

        Vorschularbeit wurde in Berlin abgeschafft (DARF gar nicht mehr gemacht werden, laut Kita-Personal), genau im Sommer bevor mein Großer eingeschult wurde. Vorschulklassen in Schulen gibt es hier schon ganz lange nicht mehr.
        Kann-Kinder gibt es, aber er ist drei Wochen nach dem Stichtag für diese geboren. Leider. Dabei wandert der Stichtag alle paar Jahre, mal lag er im Sommer, mal im Winter, mal im Herbst, jetzt ist er gerade mal im Frühling, haben wir halt Pech gehabt. Geprüft werden nur die Kann-Kinder.

        Ich drück Dich zurück!

        Henriette

    1. Vielen lieben Dank, für solche Kommentare lohnt es sich die Mühe alles abends noch so mühselig aufzuschreiben wirklich! <3

Kommentare, Kommentare!