Gender-Bending für Anfänger oder #wasanderswäre

Demnächst wird hier auch mal wieder gebaut, genäht oder geklebt, heute wird es aber noch mal außerordentlich persönlich denn…

„Ich mach mir die Welt“ hat das Internet gefragt und Inka* hat mich gefragt:

Was wäre, wenn ich ein Mann wäre?

Zuerst war ich versucht, als Antwort einfach nur das hier zu posten:

fuck gender

Wer mich etwas besser kennt, kennt diese Tasche und die kategorische Ablehnung die ich diesem ganzen (Achtung, Polarisierung!) Gender-Bullshit entgegenbringe.

Ich hatte jede Menge Tanzstunden, hab mal Judo gemacht, hatte eine Zeit lang sehr kurze Haare und auch schon sehr lange. Und mittellange pinke. Ich könnte mich beim besten Willen nicht entscheiden welches Geschlecht ich sexuell attraktiver finden sollte. Ich definiere mich nur deshalb als Frau, weil ich rein biologisch betrachtet eine zu sein scheine und mich das zum Glück emotional nicht weiter stört. Gendernauts** halte ich für einen der spannensten Filme aller Zeiten.

Warum lebe ich dann wie ich lebe, warum bin ich „nur“ Hausfrau und Mutter? Gegenfragen: Warum lastet auf Männern eher der Druck, ihre Berufswahl davon abhängig zu machen, ob dieser Beruf später eine Familie ernähren kann? Warum gibt es überhaupt Jobs mit denen man keine Familie ernähren kann? Ist es ein Wunder, dass diese Jobs hauptsächlich Menschen machen, die diesen Druck, aus welchen Gründen auch immer, weniger verspüren oder ihm nicht nachgeben wollen? Jupp, diese Katze beisst sich in den Schwanz und ich mache da nicht mehr mit.

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst?

Bestimmt wäre ich weniger zornig. Ich war schon als ziemlich kleines Kind oft extrem wütend weil man (hauptsächlich zwei bestimmte Kandidaten aus der Familie, aber auch andere wahllose Personen denen man eben so begegnet) alles mögliche damit abtat oder zu erklären versuchte, dass ich halt ein Mädchen bin.

NEIN.

Ich bin ich und deshalb bin ich so und was auch immer ich bin, tue oder denke wird dadurch, dass ich eine Frau (geworden) bin nicht unsinniger oder gar schlechter. Idioten die das anders sehen begegne ich heutzutage immer seltener (ich lebe sehr äh… „zurückgezogen“), aber wenn wir aufeinander treffen, dann machen sie mich um so aggressiver.

Wäre ich ein Mann, würde man mir auch meinen (eventuellen) Intellekt ganz selbstverständlich abkaufen, oder? Vielleicht hätte ich sogar einen Beruf für den Intelligenz angenommen wird (auch als Mann eher nichts mit Mathematik, das hätte mir die Mathelehrerin in der Siebten so oder so vermiest). Vielleicht wäre ich nicht seit 4 Jahren mit Kleinkindern zu Hause (oder doch?), was meiner Eloquenz dann nicht massiv zugesetzt hätte. Dann müsste ich folglich auch nicht ständig jedem unter die Nase reiben wie clever ich im Übrigen bin. Was ich als Frau tue. Zum Beispiel Euch jetzt gerade mit diesem Abschnitt. Das macht mich unsympathisch, es wirkt arrogant. Ich habe aber aktuell keinen glamourösen Job vorzuweisen und meine gesprochene Sprache und meine Schlagfertigkeit sind im Eimer. Ganz früher habe ich mal viele Jahre lang große (ok, mittelgroße) Mühen in eine Schlaue-Leute-Bildung investiert. Ich dürfte einen ganz okayen IQ haben. Ich habe große Freude daran, Sachverhalte zu verstehen und kreative Lösungen für interessante Problemstellungen zu finden. Diese Freude definiert beinahe mein ganzes Selbstbild!

Als Frau gebe ich mich dann eben lieber arrogant als dumm, bin lieber zornig als unterwürfig. Als Mann könnte ich doch bestimmt beides haben, ich dürfte klug rüberkommen UND sympathisch, oder? Würde ich zudem noch mit den Kindern zu Hause bleiben, ich wäre sicher ein selbstloser Held! (Es wäre theoretisch denkbar, dass ich ja vielleicht gar nicht die Intelligenzbestie bin, für die ich mich halte, aber das hier ist mein Blog und es handelt sich dabei um ein totalitäres System.)

Andere Gedanken den Alltag betreffen werfen viele neue Fragen auf: hätte ich eingeschlagen, als man mir eine Ausbildungsstelle als Mechatroniker anbot? Wäre ich danach im Schwäbischen geblieben? Ersteres vielleicht, letzteres eher sicher nicht. Oder hätte ich doch gleich angefangen Sprachen zu studieren? Etwas lukrativeres? Dann wäre ich nach Leipzig gegangen. Oder gleich nach Hamburg? Hätte ich das Studium geschmissen? Bestimmt. Und dann? Ich wäre vermutlich nicht Hotelfachmann geworden. Vielleicht ja doch noch Mechatroniker. Damit kann man Geld verdienen! Hätte ich der Groszer auf dem Kiez aufgerissen? Oder ein weibliches Äquivalent? Hätten wir denn nun Kinder oder würde uns die CDU erfolgreich davon abhalten? Würde ich mal locker vier, fünf, sechs (man weiss es noch nicht so genau…) Jahre mit ihnen zu Hause bleiben, Erziehungsmaßnahmen hinterfragen, den Alltag managen, mich unfassbar oft wie der letzte Mutter Vater-Depp fühlen? Wäre ich bei den Kindern zuständig für das unpopuläre Alltagsprogramm, oder dürfte ich den ganzen Tag aushäusig malochen und abends schon leicht bis stark ermattet die Kinder bespassen während mein*e Partner*in mit letzter Kraft eine Maschine Wäsche anschmeisst, das Abendbrot kocht und mit ganz viel Glück noch einen belanglosen Beitrag für den Blog verfasst? Sehr viel wahrscheinlicher hätten wir Berufe, die uns eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Pflichten in den Bereichen „Brutpflege“,  „Kohle ranschaffen“ und „Haushalt“ erlauben würden. Wäre das überhaupt so super?  Wie wäre das wohl so, wenn man zusätzlich zu zwei kleinen Kindern zwei Jobs in einem Familienleben unterbringen müsste, wäre das sehr stressig?

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ich lasse mich im Beruf leichter von Vorgesetzten hinhalten und verhandele schlecht, wenn es um meine Belange geht. Das ist etwas, das als typisch weiblich gilt und ich glaube es ist anerzogen. Zum kotzen.

Mich schminken, von Zeit zu Zeit. Röcke tragen. Ich mache es manchmal aus einer Laune heraus, aber es bedeutet mir nichts.

Körperbetonte Kleidung tragen. Will man als Frau einigermaßen ernst genommen werden, „muss“ man rein äußerlich ansatzweise etwas zu bieten haben. Anhübschen liegt mir nicht so, s.o. und ich bin auch rein objektiv betrachtet keine Naturschönheit, aber mein Körper, der mir durchaus ganz gut gefällt, hat mehr oder weniger Maße (ziemlich knabenhafte Maße!) die in dieser verkorksten Gesellschaft schon als Statussymbol durchgehen. Das ist ein Pfund (pun intended) mit dem ich wuchere. Und ja, ich finde das auch pervers. Wäre ich ein Kerl, ich wäre noch sehr viel häufiger in abgerissenen Kaputzensweatshirts anzutreffen.

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Ich treibe mich nicht alleine bei Dunkelheit in einsamen Gegenden herum und achte auch sonst darauf meine körperlichen Grenzen sorgfältig zu verteidigen. Ich schätze als Kerl macht man einfach weniger einschlägige Erfahrungen?

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Einem gängigen Klischee nach sind Frauen komplizierte, irrationale und verdammt launische Zeitbomben denen es zu entfliehen gilt. Wenn sie dann wegen „nichts“ in die Luft gehen, sind sie auch noch total nachtragend. Am besten man(n) wirft ihnen dann ein paar Schnittblümchen oder wahlweise auch ein paar neue Schuhe oder eine mintfarbige Retroküchenmaschine hin, dann sind sie sofort wieder total happy. #eristeinfachderbeste.

Diese Darstellung ist natürlich übertrieben, das haben Klischees so an sich. Dieses spezielle Klischee finde ich besonders schlimm, denn es hat besonders wenig mit mir zu tun und ich fände es auch besonders schlimm wenn irgendjemand wirklich genau so wäre. Ich behaupte nicht, dass ich nie kompliziert bin (wer möchte schon für schlicht gehalten werden?) und ich rege mich auch ziemlich schnell auf. Nur: wenn ich in die Luft gehe, dann will ich keine Blumen, ich will Gerechtigkeit!

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören.

Mir fällt kaum eine ein. Keine konkrete Situation. Schwanger sein, Kinder gebären, Stillen sind nicht direkt Situationen, aber immerhin einzigartige Erfahrungen. Fand ich auch richtig toll und wenn ich zur Gruppe der Männer gehörte, wäre das definitiv nicht drin gewesen. Aber dieses „Glück“ gab es nicht umsonst, es hatte einen hohen Preis, denn dafür musste ich ja auch: Schwanger sein, Kinder gebären, Stillen. Das war sehr anstrengend, schmerzhaft und/oder psychisch belastend. Wie ich hörte soll auch allein der Verdacht auf eben diese Gebärfähigkeit ein echter Karrierekiller sein. Irre, dieser Vorteil.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Sollten das nicht ausnahmslos alle Situationen sein? Seltsamer Weise ist es genau anders herum und es entzieht sich mir völlig, welchen Sinn das ergeben soll.

Ich glaube, dass ich im Grunde meines Wesens als Mann genau die selbe Person wäre, die ich jetzt als Frau bin. Ich würde bestimmt anders wahrgenommen und entsprechend anders reagieren, aber ich hätte keinen anderer Charakter, keine anderen Werte. Bei möglicherweise unterschiedlichem Erscheinungsbild, würde ich wohl im gleichen Maße Verantwortung übernehmen. Weshalb ich noch eine siebte, erst von Inka aufgebrachte Frage beantworten möchte:

Bist Du froh eine Frau zu sein?

Es ist mir vollkommen egal. Wirklich.

Gleichberechtigung für alle und in jeder Hinsicht halte ich allerdings für längstens überfällig.

Nachdem meine Meinung zu diesem Thema nun eher nicht so mit dem gesellschaftliche Konsens übereinestimmt, würde mich in den Kommentaren mal brennend interessieren, was Ihr dazu denkt? Und #waswärewenn Ellen von Je suis Huck, Holger von Monagoo, Maren aus Stockholm, Jana von Plique und Johnny + Eike von den Spielefressern jeweils die Geschlechter tauschen würden? Ich bin gespannt!

Edit: Maren hat inzwischen hier geantwortet und Little B. war passenderweise so frei und ist hier auch dabei!

UND Henriette antwortet jetzt hier! Möchte noch jemand?

 

*Sie hat derbe gut geantwortet, geht das HIER direkt nachlesen!

**Partnerlink

16 Kommentare zu “Gender-Bending für Anfänger oder #wasanderswäre

  1. Wirklich spannend, deine Sichtweise! Ich glaube, ich muss mich des Themas jetzt doch auch mal annehmen… Auch wenn mich keiner nominiert, aber hey, wer wäre ich, wenn ich nicht einfach trotzdem mitmachen würde! :-D

    Liebe Grüße
    Nele

Kommentare, Kommentare!